Der Erste Weltkrieg in Rheinland-Pfalz

„Besondere Hervorhebung verdient die Stimmung unter den Einberufenen, die von einer hehren Begeisterung, aber auch vom Ernst der Stunde durchdrungen sind.“ [Flörsheimer Zeitung]

Dieses Zitat aus der Flörsheimer Zeitung vom 6. August 1914 illustriert die emotionale und mentale Zerissenheit der zu Kriegsbeginn für den Dienst an der Front einberufenen jungen Männer.

Erfahren Sie mehr über die Geschichte des Ersten Weltkriegs in den einzelnen Städten und Dörfern und über die heute noch vorhandenen Erinnerungsorte auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz. Informieren Sie sich über das IGL-Projekt, die Themenseite und andere Angebote, lesen Sie Literatur zum Thema oder besuchen Sie aktuelle Veranstaltungen.

Zur Geschichte des Ersten Weltkriegs in Rheinland-Pfalz und den angrenzenden Gebieten

Ein Überblick

Das heutige Rheinland-Pfalz war kein unmittelbarer Kriegsschauplatz, blieb jedoch als grenznahe Region nicht unberührt von den Ereignissen in den Jahren 1914 bis 1918. Der Dualismus von Kriegsbegeisterung und Ablehnung wurde besonders hierzulande augenscheinlich, da der Krieg einerseits als „Verteidigungskrieg“ gegen den „Erbfeind“ Frankreich mit Entschlossenheit angetreten wurde, andererseits aber auch Unmut und Angst hervorrief. Sicher ist, durch die Nähe zur Westfront und den Schlachtorten hatten die Menschen den Krieg stets vor Augen.

Zeitgenössische Postkarte

Truppentransport über die Rheinbrücke in Koblenz

Konkret machte sich der Krieg anfangs durch die bloße Anwesenheit des Militärs bemerkbar. Dabei dienten zahlreiche Städte als Aufmarschgebiet und Aufenthaltsort nachrückender Truppen. So hielten sich zeitweise 40.000 Soldaten in Koblenz und 25.000 in Germersheim auf. Hier sowie in Landau und in Mainz, hatte man aus diesem Grund die vorhandenen Festungswerke massiv ausgebaut. Ihren Verteidigungszweck konnten sie angesichts der neuen Waffentechnik nicht mehr voll erfüllen, als Unterkünfte und strategische Knotenpunkte hatten sie aber noch immer eine hohe Bedeutung während des Ersten Weltkriegs.

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In den ersten Kriegsmonaten reichte der Platz in den militärischen Anlagen jedoch oftmals nicht aus, sodass vielerorts zuerst öffentliche Gebäude, dann auch Privatwohnungen als Obdach dienten. In Koblenz hielt sich zu Beginn des Krieges sogar Kaiser Wilhelm II. auf, da sich dort im August 1914 das Große Hauptquartier der Obersten Heeresleitung befand. Von Januar 1917 bis März 1918 bezog die OHL in Kreuznach Quartier.

General Paul von Hindenburg, Kaiser Wilhelm II. und General Erich Ludendorff

In vielen Städten begann eine staatlich regulierte Lebensmittelrationierung

Nicht nur die Truppen, sondern auch Rohstoffe und Kriegsmaterial kamen über die Städte am Rhein. Geliefert wurden sie zu großen Teilen aus den Betrieben der Region, die auf Grund der steigenden Nachfrage mit der Produktion kaum Schritt halten konnten. Lebensmittelknappheit und das Zusammenbrechen des regionalen Handels waren die Folge und das bekam auch die Bevölkerung zu spüren. Ein für den Krieg besonders wichtiges Unternehmen befindet sich in Ludwigshafen: Die BASF produzierte dort Sprengstoff und Giftgas, sodass das deutsche Militär die Materialschlachten im Westen weiterführen und darüber hinaus neue, schreckliche Formen der Kriegsführung anwenden konnte. Der Mangel an männlichen Arbeitskräften führte dazu, dass es vor allem Frauen waren, die für den Nachschub an der Front sorgten und u.a. in der Rüstungsindustrie beschäftigt wurden. Hinzu kamen im Laufe der Zeit insgesamt 2,5 Millionen zur Zwangsarbeit verpflichtete Kriegsgefangene, wovon ca. 1000 Personen bei der BASF arbeiteten.

russische Kriegsgefangene in der Bismarckstraße, Neuwied.[Bild: Kreismedienzentrum Neuwied/Archiv Kupfer]

Im Kriegsgefangenenlager Ebenberg bei Landau hielten sich bis zu 2000 französische und im Lager Germersheim ca. 6000 russische Soldaten auf. In vielen weiteren Städten und Dörfern, wie zum Beispiel in Kreuznach, Mainz-Finthen und Neuwied, wurden sie in landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt. Daraus resultierte nicht selten eine gewisse Multikulturalität, die nicht selten Auswirkungen auf die Alltagskultur hatte.

Trotz der Tatsache, dass keine direkten Kriegshandlungen in der Region stattfanden - von der Bombardierung einzelner Städte wie Mainz, Trier und Koblenz einmal abgesehen -, beeinflusste der Krieg dennoch durch die skizzierten Umstände das Leben der Menschen in den rheinland-pfälzischen Dörfern und Städten in hohem Maße. Informationen zu den Geschehnissen an der Front erhielt man regelmäßig durch Feldpostbriefe  der Soldaten - vom 6. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 68 aus Koblenz und Ehrenbreitstein, vom bayrischen Infanterieregiment 17 aus Germersheim oder der Pfälzer Division, die an der Schlacht an der Somme beteiligt waren. Kriegsopfer und Verwundete  wurden ebenfalls über das Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz zurück in ihre Heimat gebracht. So trat der Schrecken der einen immensen Blutzoll fordernden Materialschlachten  in der Region bereits sehr früh zu Tage, zumal zahlreiche Erstversorgungstellen eingerichtet werden mussten. Lazarette gab es in Birkenfeld, Idar, Klingenmünster, Neuwied, Koblenz, Remagen, Rheingönheim, Trier, Speyer, Waldmohr, Kaiserslautern, Landau, Zweibrücken - nahezu in jeder größeren Stadt.

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Gruppenportrait im Krankenzimmer eines Lazaretts

Die immer schwieriger werdende Situation in der Heimat hatte das zunehmende Schwinden der anfänglichen Kriegsbegeisterung zur Folge. In Mainz hatte man im Juli 1916 noch mit der Nagelsäule seinen Siegeswillen kundgetan, in Worms gab es dagegen im sogenannten „Steckrübenwinter“ 1916/17 umfangreiche Hungerdemonstrationen. Rheinland-Pfalz inklusive der umliegenden Gebiete kann also in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Auswirkungen des Krieges - wirtschaftlich, sozial und politisch - gelten und weist zudem eine große Bandbreite der mit ihm verbundenen Emotionen und Reaktionen auf.


Postkarte aus dem Rheinland zur Zeit des 1. Weltkriegs

Ein wesentlicher Grund dafür und zugleich auch eine Besonderheit der Region ist das schwierige Verhältnis zum Nachbarland Frankreich, welches sich wie ein roter Faden schon durch die vorangegangen Jahrhunderten zieht. Die Einschätzung als „Erbfeind“ war es, die zu Beginn des Krieges den Hass der beiden Völker aufeinander schürte und zum wesentlichen Bestandteil regionaler Propaganda wurde. Mit Blick auf den Versailler Vertrag erscheinen Deutschland und Frankreich als Protagonisten des Krieges, deren Feindschaft im internationalen Konflikt mit ausgetragen wurde. Die Leidtragenden waren im Anschluss vor allem die Bewohner des Rheinlandes und weiter Teile der Pfalz. In der französischen Besatzungszone nahm die Kriegsschuldfrage daher eine ganz eigene, folgenschwere Dimension an, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus schließlich zeigen sollte.

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Das Ehrenmal des deutschen Heeres auf der Festung Ehrenbreitstein[Bild: Holger Weinandt]

Auch die Erinnerungskultur des 1. Weltkrieges richtete sich zunächst ebenfalls nach der deutsch-französischen Beziehung. Der Versailler Vertrag wurde als Diktat Frankreichs empfunden und mündete auf deutscher Seite vor allem in Selbstmitleid und dem Hang zum Nationalismus, welcher in übersteigerter Form im Zweiten Weltkrieg daraufhin zweifellos eine entscheidende Rolle spielte. In dieser mystifizierenden Phase der Erinnerung entstanden neben sogenannten "Ehrenchroniken" viele Kriegsdenkmäler und Gedenksteine, die den "Gefallenen des Vaterlandes" gewidmet waren, und noch heute in vielen rheinland-pfälzischen Städten und Gemeinden, wie zum Beispiel in Mainz-Kastel, Bodenheim, Bingen, Kaiserslautern uvm., zu finden sind.

Mit dem 2. Weltkrieg verschwand der 1. Weltkrieg zunächst förmlich aus dem Bewusstsein der Menschen, da man sich mit einer noch größeren Katastrophe konfrontiert sah. Die gemeinsame Gedenkfeier von Altbundeskanzler Helmut Kohl und dem ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterand am 22. September 1984 markierte die weitgehend abgeschlossene Historisierung der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ in Deutschland und Frankreich und kann zweifellos als Akt der Versöhnung gewertet werden, ohne aber die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu unterdrücken.

Im Gegenteil: Auch heute, 100 Jahre nach dem Krieg, ist er in diesem Jahr Gegenstand lebendiger Erinnerung und soll als Teil der regionalen Geschichte in regionalgeschichte.net reflektiert werden.

 

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Literatur:

  • Kreuz - Rad - Löwe. Rheinland-Pfalz. Ein Land und seine Geschichte. Hrsg. v. Friedrich P. Kahlenberg / Michael Kißener, 3 Bde. Mainz 2012.
  • Mainz und der Erste Weltkrieg. In: Mainzer Geschichtsblätter 14 (2008). Veröffentlichungen des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V.

Verfasser: Katharina Thielen

Erstellt am: 20.03.2013

Bildmaterial: Alle auf der Startseite verwendeten Abbildungen sind Teil des Archivbestandes des Bundesarchivs in Koblenz, entnommen aus Wikimedia Commons mit der Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Herausgeber: Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V.

Projektleitung: Dr. Elmar Rettinger, Dr. Ute Engelen

Red. Bearb.: Katharina Thielen